Lisa Straube hat in diesen Tagen etwas getan, wovor viele zurückschrecken: Sie zeigt ihre Trauer offen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Furkan Akkaya („Akka“) trauert sie um ihren vier Monate alten Sohn Xavi, der plötzlich verstorben ist. Seitdem teilt die ehemalige Tischtennis-Profiathletin ihre Gefühle mit ihrer Community – und berührt damit etwas, das viele kennen, aber kaum jemand anspricht.
Als Trauerbegleiterin und Trauersängerin habe ich jahrelang Familien durch das Unvorstellbare begleitet: den Tod eines Kindes. Ich stand an Gräbern, die viel zu klein waren, habe gesungen, wenn Worte nicht mehr ausreichten, und ich weiß, was in diesen Momenten wirklich trägt – und was nicht.
Es gibt keinen richtigen Weg durch diese Trauer. Wenn Lisa Straube erzählt, dass sie mit ihrem Kind in den Armen auf die Straße lief und Gott anflehte, sie anstelle ihres Sohnes zu nehmen, dann ist das kein Drama für die Timeline. Es ist die nackte Realität. Ich erkenne darin genau das, was Eltern in meiner Praxis immer wieder beschreiben: den Moment, in dem die Welt aufhört, die Welt zu sein, die man kannte. Danach wird nichts mehr als selbstverständlich gesehen – nicht das Aufwachen, nicht die Stille im nächsten Raum. Trauer über ein Kind ist kein Prozess, sie ist ein Zustand, der sich ständig neu erfindet. Sie darf so weit sein, wie sie ist.
Eine Geschichte, die ich nie vergesse: Eine Freundin verlor ihr Kind einen Tag vor dem errechneten Geburtstermin. Das Herz des Babys hörte einfach auf zu schlagen. Wir alle waren geschockt – und zugleich zutiefst berührt von dem, was diese Familie tat. Sie legten das Kind auf, sodass Familie und Freunde Abschied nehmen konnten. Ich durfte sogar bei der Trauerfeier singen – für ein kleines Mädchen, das nie einen Atemzug nahm. Die Mutter sprach offen über ihren Schmerz. Das erleichterte es den Angehörigen, das Unsagbare zu benennen und echte Anteilnahme zu zeigen. Sie und ihr Mann besuchten Trauergruppen, sprachen immer wieder darüber. Heute haben sie ein gesundes dreijähriges Kind und besuchen gemeinsam das Grab der Schwester. Das verstorbene Kind bleibt Teil der Familie – nicht als Schatten, sondern als Realität.
Panikattacken, Leere, Taubheit – das ist keine Schwäche. Lisa Straube spricht von Panikattacken, Depressionen und dem Gefühl, dass alles oft surreal wirkt. Dann gibt es Momente der Klarheit, die alles zerreißen. Das ist Trauer. Trauer über ein Kind entfaltet sich nicht in geordneten Phasen. Sie kommt in Wellen – manchmal stundenlang still, dann plötzlich überwältigend. Beides ist wahr. Beides ist richtig.
Ich rate Eltern in dieser Zeit: Achtet auf euren Körper. Trauer sitzt im Bauch, in den Beinen, in der Brust. Essen, Schlafen, frische Luft – das ist kein Verrat am Kind. Es ist das Mindeste, was ihr euch selbst schuldet. Holt euch Hilfe: Trauerbegleitung, Traumatherapie, Selbsthilfegruppen wie der Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. Ihr müsst das nicht allein tragen.
Für Geschwister: Stark sein ist eine Lüge. Lisa und Furkan haben einen anderthalbjährigen Sohn, Emilio. Für ihn da zu sein, während man selbst im freien Fall ist, gehört zu den schwersten Momenten, die ich kenne. Viele Familien glauben, sie müssten stark sein. Aber dieses Verhalten erschwert echte Trauer. Kinder, die ihre Eltern weinen sehen, lernen: Gefühle sind erlaubt. Es destabilisiert sie nicht, sondern zeigt, dass Trauer normal ist. Kinder brauchen ehrliche, einfache Worte, kein perfektes Erklären.
Was wirklich hilft: Rituale. Ein Foto des verstorbenen Kindes, gelegentlich eine Kerze, ein Name, der ausgesprochen wird. So bleibt das Kind Teil der Familie – sichtbar, genannt, geliebt. Genau so praktiziert es meine Freundin: „Du hast eine Schwester.“ Kinder wechseln schnell zwischen Trauer und Lachen. Das ist keine Gleichgültigkeit, das ist Kindertrauer. Lasst sie spielen, ohne Schuldgefühle.
Was trauernde Eltern brauchen – und was eher schadet. Oft wissen Umfeld und Freunde nicht, was sie sagen sollen und meinen es gut. Sätze wie: „Du bist noch jung, ihr könnt noch ein Kind bekommen“ oder „Er ist jetzt bei Gott“ sind liebevoll gemeint, treffen aber wie ein Schlag. Was wirklich hilft: da sein, nichts reparieren wollen. Einfach: Ich bin hier. Ich teile deinen Schmerz. Sprich den Namen des Kindes. Xavi kann weiterexistieren – in Gesprächen, Erinnerungen, beiläufigen Bemerkungen. Den Namen auszusprechen heißt: Ich sehe dein Kind. Ich sehe deinen Verlust.

Trauer kennt kein Ablaufdatum. Gesellschaftlich wird eine Deadline impliziert. Nach einigen Monaten sollen Trauernde wieder funktionieren. Das ist grausam – besonders für Eltern, die ein Kind verloren haben. Die Trauer endet nicht. Sie verändert sich. Mit Zeit, guter Unterstützung und Menschen an der Seite wird sie erträglicher, aber bleibt ein Leben lang. In meiner Arbeit sage ich oft: Trauer ist Liebe ohne Glitzer, aber mit Sternenstaub.
Xavi war real. Er wurde geliebt. Er kann weiter da sein – in der Art, wie Lisa und Furkan mit seiner Erinnerung umgehen, wie sie Emilio unterstützen, in jedem Moment, in dem sein Name fällt. Manchmal ist genau das der größte Trost: nicht zu schweigen. Einfach da sein. Den Namen aussprechen.
Wenn Trauer überwältigend wird: Den Schmerz nicht kleinreden. Sprecht offen darüber – auch über das verstorbene Kind. Offenheit schützt nicht vor Schmerz, aber vor Einsamkeit. Akzeptiert professionelle Unterstützung. Rituale auch für Geschwister. Hilfe zu suchen, ist Stärke. Der beste Zeitpunkt ist nicht, wenn alles zusammenbricht, sondern wenn man spürt: Allein ist es zu schwer.