Niemand in der Kapelle bewegte sich.
Katharinas Gesicht füllte die Leinwand.
„Bevor irgendjemand Mitleid mit meinem Ehemann hat, solltet ihr wissen, dass ich die letzten acht Monate meines Lebens nicht an einer unbekannten Krankheit litt.“
Viktor wurde schlagartig blass.
„Schaltet das aus!“, schrie er.
Doch die Anwältin hob nur die Hand.
„Das Video wird automatisch abgespielt.“
Katharina sprach weiter.
„Während Viktor allen erzählte, ich sei erschöpft, sammelte ich Beweise.“
Auf der Leinwand erschienen Fotos.
Medikamentenpackungen.
Laborberichte.
Kopien von Kontoauszügen.
Dann ein kurzes Video.
Viktor war zu sehen, wie er heimlich Kapseln austauschte.
Entsetztes Raunen ging durch die Kapelle.
Die Geliebte machte einen Schritt von ihm weg.
„Das ist manipuliert!“, rief Viktor.
Doch Katharina ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Vor sieben Monaten bemerkte ich, dass sich meine Symptome immer verschlimmerten, sobald Viktor mir meine Medikamente brachte.“
Die nächste Aufnahme zeigte eine toxikologische Analyse.
Mehrere Proben enthielten gefährliche Mengen eines verbotenen Stoffes.
Tränen liefen über das Gesicht von Katharinas Mutter.
„Ich hatte Angst“, sagte Katharina auf der Leinwand. „Deshalb übergab ich sämtliche Unterlagen meiner Anwältin.“
Nun trat die Anwältin nach vorne.
Sie öffnete ihre Mappe.
„Zusätzlich zu den Ermittlungsunterlagen gibt es noch eine weitere Information.“
Sie hielt kurz inne.
„Katharina Seidel war alleinige Eigentümerin von Lernwelt Digital GmbH.“
Unruhe brach aus.
„Das Unternehmen wurde zwölf Tage vor ihrem Tod mit 47 Millionen Euro bewertet.“
Viktor erstarrte.
Er hatte von dem Unternehmen nie Notiz genommen.
„Gemäß Testament geht das Unternehmen vollständig an eine gemeinnützige Bildungsstiftung über.“
Die Geliebte starrte Viktor entsetzt an.
„Du hast gesagt, sie besitzt nichts.“
Viktor antwortete nicht.
Dann sprach die Anwältin den letzten Satz:
„Und Herr Seidel wurde ausdrücklich von jedem Erbanspruch ausgeschlossen.“
In diesem Augenblick betraten zwei Kriminalbeamte die Kapelle.
Katharina hatte die Ermittlungen Monate zuvor vorbereitet.
Vor den Augen aller Gäste wurde Viktor abgeführt.
Seine Geliebte verließ wortlos die Kapelle.
Wochen später bestätigten die Ermittlungen, dass Katharina tatsächlich systematisch vergiftet worden war.
Der Prozess erschütterte das ganze Land.
Doch Katharinas Bildungsplattform blieb bestehen.
Tausende Kinder arbeiteten weiterhin mit ihren Materialien.
Und über dem Eingang der neuen Stiftung hing ein Satz, den Katharina kurz vor ihrem Tod selbst geschrieben hatte:
„Unterschätze niemals die stille Person im Raum. Oft schreibt sie bereits das letzte Kapitel.“